Grenzen und Verbindung

Wie viel Nähe ein Mensch „ertragen“ kann, ist höchst unterschiedlich und hängt von vielen Umständen ab. Grob gesagt: je langsamer, vertrauter und respektvoller das Gegenüber sich nähert bzw. auch Pausen macht und sich immer wieder das Einverständnis einholt, desto mehr Nähe ist für den Augenblick möglich. In anderen Situationen und mit anderen Menschen müsste die Annäherung dann erneut „verhandelt“ werden.

Wesentliche Orientierung für die Annäherung ist Vertrauen. Sobald der Atem stockt oder flach wird, ist eine innere Grenze erreicht. Sobald die Aufmerksamkeit weggeht oder innerer „Nebel“ oder Verwirrung kommt, ist ebenfalls eine Grenze da. Bei Wut oder Flucht sowieso, das ist ja klar.

Grundlage ist sowohl das bis dahin gewachsene Vertrauen zum Gegenüber, aber auch die gesammelten Erfahrungen mit anderen Menschen. Vielleicht sind Prägungen aus der Vergangenheit unbewußt im „Körper“ wie eine Erinnerung gespeichert und beeinflussen unsere Wahrnehmung, so dass bereits sehr früh Grenzreaktionen entstehen.

Grenzreaktionen kann es in allen menschlichen Begegnungen geben: sowohl auf Augenhöhe mit Partnern, Freunden, Kollegen und Geschwistern – sowie als Schutzbefohlener auch mit Eltern, Vorgesetzten, Lehrern, Ärzten, Trainern, Pfarrer, Therapeuten usw. Auch Begegnungen mit Staat und Kirche können körperlich und emotional grenzwertig sein (z.B. als Schwangere, Beamte, Täuflinge usw.).

Abwehrreaktionen deuten auf eine akute Grenzerfahrung und benötigen zunächst keine Erklärung oder Begründung. Druck und Diskussionen verstärken nur die Not.

Es braucht Langsamkeit, Respekt und Gespräche, damit Vertrauen wieder wachsen kann und Annäherung und Verbindung möglich werden. Aber es braucht auch Neugier, wie Leben ohne diese Prägung wäre und welche neue Qualitäten und Perspektiven sich auftun könnten …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.